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3. Hamburger Update Zahnmedizin 2024

Wenn man aus dem Hamburger Norden kommt, ist es ganz schön, zur Abwechslung mal ins Steigenberger Hotel Treudelberg geladen zu werden. Kurze Anreise, schöne Lokation. Und das Wichtigste: Das Essen war exquisit! Zum Fachlichen komme ich gleich noch. Ebenso wichtig war, dass die Teilnehmer und Industrie-Aussteller wirklich genug Platz hatten, die Sonne auf eine große Außenterrasse schien und der Seminarsaal, quer ausgerichtet mit drei großen Bildschirmen und damit übersichtlicher als gewohnt, neue Akzente gesetzt hat. Vielleicht war es in sagittaler Richtung ein wenig eng bestuhlt – aber hey: Ausgebucht sein ist wahrlich kein Grund zum Jammern. Und es ging ja alles gut. Von mir also eine glatte Eins zur Orga.

Den Start dieser mittlerweile ja schon traditionellen Veranstaltung übernimmt üblicherweise unser Präsident Konstantin von Laffert mit einem berufspolitischen Update. Diesmal war er verhindert, es wurde nach der Begrüßung durch den Organisator Dr. Jan Behring also schnell fachlich.

Den Anfang des Tages machte Prof. Dr. Tobias Tauböck aus Zürich mit einem wirklich sehr nachdenkenswerten Konzept zum Thema Bisshebung. Ohne Keramik, nur Komposite. Aber: geplant im Artikulator, aufgewachst vom Zahntechniker, über hart-weiche Schienen in den Mund übertragen. Kofferdam und Teflonband gehörten auch dazu und wer wissen will, wie man die Approximalkontakte so schön ausarbeitet wie er das auf seinen Fotos zeigen konnte, kann einen Kurs bei ihm buchen.

Dr. Kai Krüger aus Hamburg hatte mehr „keramische Fotos“ im Gepäck, dafür aber ebenfalls wunderbare Fälle. Nach dem Einstiegswitz: „Eine schöne Frontästhetik können meine Patienten besser würdigen, als wenn ich nach einer Wurzelbehandlung stolz darauf bin, mb4 abgefüllt zu haben“ half er gewohnt eloquent seinem Auditorium dabei, ihren Patienten deren Lieblingswunsch zu erfüllen: „Ich hätte gerne schöne helle Zähne, die natürlich aussehen und zu mir passen.“ Die digitalen Planungs- und Aufklärungstools waren schon sehr beeindruckend und die Neugier darauf, was die KI in diesem Zusammenhang in den nächsten Jahren noch vereinfachen wird, wurde sehr gesteigert.

Die erste Kaffeepause mit Wraps, Eclairs und Croissants: abwechslungsreich und lecker. Neue Energie!
Dr. Frederic Kauffmann aus Düsseldorf freute sich über den zahnschonenden Tenor seiner Vorredner und erinnerte sich an die Worte seines eigenen Professors: „Wer in die Labialfläche eines Zahnes reinpräpariert, bekommt 7 Jahre Fegefeuer!“ Sein eigenes Thema „Was gibt es Neues in der Regeneration von parodontalen Defekten und in der Periimplantitis-Therapie?“ bearbeitete er sehr kurzweilig bei gleichzeitig hoher Informationsdichte. Die Stichwortliste Antibiose, Pulver-Wasserstrahlgeräte, Probiotika, Mikrochirurgie, Schmelz-Matrix-Proteine, PRF, Hyaluronsäure, Obst und Gemüse in rauen Mengen (fr)essen, Augmentationstechniken, NaOCl-Gel, CHX und Mikronährstoff-Substitution klingt verwirrend, schuf aber Klarheit. 
Themen und Redner waren offensichtlich derart spannend, dass nach der anschließenden Mittagspause alle wiedergekommen sind. Trotz strahlenden Sonnenscheins und obwohl wir ob des wunderbaren Buffets alle supersatt waren. Jedenfalls ist niemand als fehlend aufgefallen oder wurde vermisst.

Prof. Dr. Christian Splieth aus Greifswald schilderte eindringlich seine Klinikerfahrung in der Kinder- und Traumaabteilung. Er sprach über die aktuelle gesellschaftliche Verteilung des Kariesrisikos und die daraus resultierenden aktuellen Behandlungsansätze. Das Wichtigste: dafür sorgen, dass jeden Tag „drei Mineralien mehr in den Zahn reinkommen als raus“! Die Kernpunkte: Aufklärung und Übung, Bezugspersonen schulen, Karies rückwärts spielen, Fluoride, Fluoride, Fluoride und notfalls den Quick-Stop mit Silberdiaminfluorid-Lösung. Keine zweiflächigen Füllungen, sondern Stahlkronen. Querputzen für die neuen 6er und die Approximalflächen während der jeweiligen Zahnwechselphasen. Kinderzahnpaste darf neuerdings (wissenschaftlich basiert zum Kariesschutz) 1000 ppm Fluorid enthalten – die kontroversen Diskussionen werden folgen …
 
Bekannt „aus Funk und Fernsehen“ glänzte Prof. Dr. Gabriel Krastl souverän mit dem Thema Traumatologie und zeigte in der Tat doch recht traumatisierende Bilder. Komplexe Unfälle erfordern ein solides Fachwissen und das Zusammenspiel verschiedenster medizinischer und zahnmedizinischer Fachdisziplinen. Weil es schwierig ist im Fall der Fälle alles Wissen parat zu haben und fehlerhafte Entscheidungen zur Behandlung oder zur Unterlassung nachhaltige Folgen für das betroffene Kind bis ins Erwachsenenalter haben können, warb Prof. Krastl eindringlich sowohl für die Seite „www.rette-deinen-zahn.de“ als auch für die „3-€-App“ „Accident“. Die Prognose eines Zahnes ist nämlich oft besser als gedacht. Das größte Risiko für einen Zahn nach einem Trauma ist (leider!) immer noch der Zahnarzt! Im Zweifel sollte eine zeitnahe Überweisung an einen Endospezialisten in Erwägung gezogen werden.
Nach der nachmittäglichen Kaffeepause holte uns Dr. Johannes Cujé aus Hamburg aus dem Siesta-Feeling mit interessanten Geschichten und Lösungsansätzen aus dem Notdienst. Wie geht Diagnostik, wie geht Betäubung im hochakuten Fall, wie unterstütze ich das Senken des Schmerzlevels nach der Behandlung medikamentös? Kein wirkliches Neuland, aber immer wieder wichtig und durchaus relevant im Praxisalltag.

Der zum Mitdenken anstrengendste Vortrag kam von Prof. Dr. Henning Schliephake aus Hamburg gaaanz zum Schluss: Allgemeinmedizin – Antiresorptiva. Es wurde noch mal tiefenphysiologisch! Etwas Propädeutik in Knochenphysiologie und Pharmakologie. Was waren die „Take-Home-Messages“? Die Anamnese sorgfältig erheben. Den ganzen Medikamentenpass zeigen lassen. Im Zweifel mit dem Verordner sprechen. Die Verabreichungsart ist nicht so relevant wie die Dosis. Kurzfristige Einnahmepausen der Antiresorptiva vor chirurgischen Eingriffen haben keinerlei Effekt. Je länger die Therapiedauer, desto dünner die Schleimhäute. Nicht die Knochennekrose ist das Problem, sondern die bakterielle Besiedlung der Knochenlakunen bei Freilegung derselben. Vorhandene Implantate: alle 3 Monate PZR.

Kurze Umfrage gegen 17 Uhr: Alle in meiner Reihe sind nächstes Jahr wieder mit dabei.

Mein persönlicher Wunsch: Findet sich für 2025 mal wieder eine ReferentIN?

Dr. Julia Tehsmer